Helmut Creutz 

Aktuelles

Inhalt:

Chronologisch absteigend sortiert.

Zinseszins und seine Folgen – endlich im Gespräch!

In der Ausgabe „DIE ZEIT“ vom 16. April 2014, heißt es in einem von Anne-Sophie Lang verfassten mehrspaltigen Beitrag „Da hilft nur ein Taschenrechner“, bereits in der Überschrift: „Der Zinseszins entfaltet erst mit der Zeit seine Wirkung. Dumm nur, dass wir nicht exponentiell denken können“.

Auslöser dieses Zins- und Zinseszins-bezogenen Beitrags sind die Erkenntnisse des Finanzmarktforschers Rüdiger von Nitzsch, dass der Mensch in seiner Entwicklung nicht mit exponentiellen Prozessen vertraut gemacht worden sei, was er dann mit einigen Rechenbeispielen belegt. Vor allem mit der bekannten Schachbrett-Geschichte mit den Reiskörnern, deren Menge - sich 64 mal von Feld zu Feld verdoppelnd - auf der ganzen Welt nicht vorhanden ist. - Berechnungen, die im Zeitalter der Taschenrechner eigentlich keine Schwierigkeiten mehr machen sollten.

Erfreulich, dass dieser Bericht dann am 23. April, in einem fast halbseitigen Artikel in der Tageszeitung „Die Welt“, unter der Überschrift ergänzt wird:

Darum werden die Reichen immer reicher

In diesem Beitrag, verfasst von Nando Sommerfeldt und Holger Zschäpitz, wird ausführlich über „Das neue Buch des französischen Starökonomen Thomas Piketty“ berichtet, das – lt. Überschrift - „weltweit für Furore“ sorgt und “den Kapitalismus so klar wie nie“ erklärt. - Laut des Artikels ist dieses Buch, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, vor allem in den USA gefeiert und sogar auf der Frühjahrstagung des internationalen Währungsfonds weiter gereicht worden.

Wie weiter angeführt, wird in diesem Buch - „das Ergebnis einer 15-jährigen Datenrecherche“ - auch „die Geschichte von Einkommen und Wohlstand“ und vor allem das Thema „Wohlstand und Einkommensverteilung“ behandelt:

„Seine Formel ist einfach: Weil in der Regel die Kapitalerträge höher sind als das Wachstum der Volkswirtschaft, ist Ungleichheit keine versehentliche Begleiterscheinung des Kapitalismus, sondern eine zwangsläufige Konsequenz“, beschreiben die Verfasser des Artikels diese Gegebenheiten und weiter: „Auch der ganz normale Sparer gewinnt eine fundamentale Erkenntnis. Er kommt schneller durch Kapitalanlage zu Reichtum als durch harte Arbeit“.

Erfreulicherweise wird aber auch erwähnt, dass dabei nur die oberen zehn Prozent wohlhabend werden und die „Geschichte des Tellerwäschers, der sich zum Millionär hocharbeitet“ durch das Buch entzaubert wird. - Konkret: „Die Kapitalbesitzer bekommen seit einigen Jahrzehnten immer größere Stücke vom Kuchen des Sozialprodukts – die Lohnquote fällt weltweit.“

Also Erfahrungen, die sich auch in Europa immer deutlicher abzeichnen, vor allem in den südlichen Ländern! - Man kann nur hoffen, dass dieses Buch, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, welches ja erfreulicherweise endlich einmal die Zins-bezogenen Ansätze der Geldreformbewegung aufgreift, bald auch in deutsch erscheint. - Vielleicht könnte es auch uns behilflich sein, sich diesem Schwerpunkt wieder erneut und verstärkt zuzuwenden!

Helmut Creutz

(April 2014)

Weil, weil, weil ...

Von den monetären Kettenreaktionen in unseren Volkswirtschaften -und warum sie ständig wachsen und letztendlich kollabieren müssen!

Weil unsere Volkswirtschaften nur bei einem geschlossenen Geldkreislauf funktionieren, müssen alle Ersparnisse und Geldvermögensüberschüsse über Kredite wieder in die Wirtschaft zurückgeführt werden.

Weil diese Rückführungen heute nur über Zinsbelohnungen funktionieren, nehmen die Geldvermögens-Überschüsse aufgrund des Zinseszins-Effekts jedoch mit wachsender Beschleunigung zu und damit auch der Kreditaufnahmezwang.

Weil das Wachstum der Wirtschaft mit dem der Geldvermögen schließlich nicht mehr Schritt halten kann, müssen die sich weiterhin vermehrenden Überschüsse zunehmend über Staatsverschuldungen in den Kreislauf zurückgeführt werden.

Weil jedoch auch diese Kreditaufnahme-Möglichkeiten der Staaten sehr bald an Grenzen stoßen, kommt es zu einem Ausweichen der Geldvermögen in die Spekulation und damit zu Exzessen, wie wir sie seit zehn Jahren erleben.

Weil sich schließlich selbst die Banken an diesen Spekulationen beteiligen kommt es auch hier zu astronomischen Verlusten, die am Ende von der Politik mit Steuergeldern aufgefangen werden müssen.

Weil mit diesen "Rettungsschirmen" die Belastungen der Staaten noch mehr zunehmen, bleiben schließlich nur noch radikale Einsparungen bei Investitionen, Sozialausgaben oder Löhnen.

Weil diese Einsparungen die Verbraucher-Kaufkraft jedoch ebenso gefährden wie den sozialen Frieden, verbleibt als einziger Ausweg die Flucht in noch mehr Wirtschaftswachstum, ohne Rücksicht auf die Umwelt.

Doch weil dieser Spielraum zwischen Rettung des sozialen Friedens auf Kosten der Umwelt, oder Rettung der Umwelt auf Kosten des sozialen Friedens immer kleiner wird, ist diese Alternative inzwischen ausgereizt! – Es sei denn, man dreht endlich jene "Flamme unter dem Kessel" kleiner, die ihn immer mehr "zum Überkochen bringt"! Denn wenn in einem Organismus ein Teil rascher als das Ganze wächst, wie bei den Geldvermögen aufgrund des Zins- und Zinseszins-Effekts seit 1950 der Fall, kann dessen Kollaps nur eine Frage der Zeit sein! – Und "Dank" der Blindheit unserer Wirtschaftswissenschaftler besteht auch noch die Gefahr, dass man nach diesem Kollaps (der schlimmer werden könnte als jener von 1929!) wieder mit den gleichen Fehlern im System beginnt!

Helmut Creutz – 2012


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Tumorartige Selbstvermehrung der Geldvermögen – Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise

"Spekulationen richten keinen Schaden an, wenn sie nur Blasen auf einem ruhigen Strom von Unternehmertätigkeit sind. Die Lage ist aber ernst, wenn die Unternehmertätigkeit zur Blase auf einem Strudel von Spekulationen wird."

John Maynard Keynes

Über die Hintergründe unserer derzeitigen Banken- und Wirtschaftskrise, als Folge der Einbrüche auf den Finanzmärkten, wird fast genau so viel spekuliert wie vorher an den Börsen. So werden als Ursachen die fragwürdigen Immobilienkredite, die mangelnden staatlichen Regulierungen, die falsche Geld- und Zinspolitik der Notenbanken oder auch die Gier der Menschen angeführt. Die tatsächlich auslösende Ursache wurde jedoch bisher so gut wie nie genannt: Das seit Jahrzehnten andauernde Überwachstum der Geldvermögen! Dabei resultieren daraus nicht nur die Hiobsmeldungen unserer Tage sowie die viel beschriebenen Exzesse, sondern auch die seit Jahrzehnten diskutierten sozialen und ökologischen Fehlentwicklungen in unseren Volkswirtschaften!

Denn zur Schließung des Geldkreislaufs und Absicherung der Nachfrage mussten diese wuchernden Geldvermögen über Kredite in die Wirtschaft zurückgeführt werden. Da die Volkswirtschaften mit diesem Überwachstum der monetären Größen jedoch immer weniger Schritt halten können, sind sie – aus einfachen mathematischen Gründen – letztendlich zum Scheitern verurteilt.

Selbst Politikern aus dem grünen oder linken Lager scheint nicht klar zu sein, dass die mit den Geldvermögen und Schulden wachsenden Zinseinkommen nicht vom Himmel fallen, sondern von der Gesamtheit aller Bürger getragen werden müssen. Denn alle von den Kreditnehmern in der Wirtschaft gezahlten Zinsen gehen als Kapitalkosten genau so in die Preise ein, wie alle Personal- und Materialkosten! Das heißt, alle Haushalte zahlen inzwischen mindestens ein Drittel ihrer Ausgaben direkt und indirekt in den zinsbedingten Umverteilungstopf ein, während die Höhe ihrer Zinserträge von den höchst unterschiedlichen Vermögensbeständen abhängig ist. Selbst nach amtlichen Statistiken befinden sich diese inzwischen, zumindest mit 60 Prozent, in den Händen von zehn Prozent der Haushalte! Und diese Minderheit gewinnt netto gerechnet laufend so viel hinzu, wie alle anderen Haushalte bei diesen Zinstransfers netto verlieren! – Mit diesem Umverteilungsmechanismus erklärt sich nicht nur die ständige Zunahme der Millionärs- und Milliardärshaushalte in aller Welt, sondern auch die Zunahme der Armut, die inzwischen – trotz Wachstum – sogar in den reichen Ländern registriert wird!

Wie sich die Diskrepanzen in unserer Gesellschaft langfristig entwickelt haben, geht aus der Darstellung 22 hervor. In ihr werden die jährlichen Zuwachsraten der Geldvermögen jenen des Bruttoinlandprodukts (BIP) und der Nettolohneinkommen in den fünf vergangenen Jahrzehnten gegenübergestellt. Während die Zuwachsraten des BIP auf rund das Sechsfache und die der Nettolöhne auf das Dreifache zunahmen, stiegen die der Geldvermögen auf das 26-fache! Das heißt, der Anstieg der Nettolöhne reichte in den letzten Jahrzehnten noch nicht einmal aus, um die Verzinsung der hinzukommenden Geldvermögen zu bedienen!

Zieht man nur die Zinserträge der Banken heran, die im Jahr 2007 bei 419 Mrd Euro lagen, so belastete allein dieser Zinsposten im Durchschnitt jeden der 38 Millionen Haushalte mit mehr als elftausend Euro!

Auch die Darstellung 034/034b macht die Unterschiedlichkeit der Einkommens-Entwicklungen aus Arbeit und Vermögen deutlich. Denn während in den hier herangezogenen 16 Jahren das BIP um 58 Prozent anstieg, nahmen die Bruttolöhne und -gehälter nur um 38 und die Nettogrößen sogar nur um 30 Prozent zu! Die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen stiegen dagegen um 86 Prozent und die von den Banken ausgezahlten Zinsen sogar um 110 Prozent! Hätten sich die letztgenannten Einkommensgruppen mit der Wachstumsquote des BIP begnügt, wäre dieser Anstieg auch bei den Löhnen möglich gewesen!

Zurück zur Aktualität:

Als Folge der zu Anfang unserer Wirtschaftsperiode noch geringen Geldvermögensbestände, musste man bis in die 60er Jahre auf die Auszahlung zugesagter Kredite oft warten. Inzwischen hat sich die Situation umgekehrt: Da die ständig wachsenden Geldvermögen auf den normalen Märkten nicht mehr unterzubringen sind, wurden die Banken seit Anfang der neunziger Jahre zunehmend gezwungen, die Einlagen ihrer Kunden auf spekulative und immer riskantere Weise einzusetzen. Und diesen Spekulationen – Folge der Übervermehrung der Geldvermögen – verdanken wir die heutigen Katastrophen auf den Finanzmärkten und deren Auswirkungen in der Realwirtschaft!

Im Grunde entspricht dieser Ablauf in unseren Tagen ziemlich genau demjenigen, den Marriner Eccles, US-Notenbankchef unter Roosevelt, in den 1930er Jahren wie folgt beschrieben hat:

"Bis 1929 und `30; also bis zum Beginn der Wirtschaftskrise, hatte eine gewaltige Saugpumpe einen zunehmenden Anteil des erzeugten Reichtums in wenige Hände umgeleitet…und so die Kaufkraft aus den Händen der Mehrheit genommen… Die Massenproduktion der modernen Industriegesellschaft beruht aber auf einem Massenkonsum, und dieser setzt die Verteilung des Reichtums voraus…um die Menschen mit einer Kaufkraft auszustatten, die der Menge der von der Wirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen entspricht."

Diese notwendige gerechte "Verteilung des Reichtums" ist aber nur bei Zins- und Renditesätzen möglich, die im Gleichschritt mit den Sättigungen in der Wirtschaft gegen Null heruntergehen! Um diese marktgerechte Absenkung der Zinssätze zu erreichen, bedarf es jedoch einer Umlaufsicherung des Geldes durch Kosten auf die Liquidität, wie sie von Silvio Gesell schon Anfang des letzten Jahrhunderts und 1936 auch von John Maynard Keynes in der "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes", vorgeschlagen wurde. Bezogen auf die Wirkung der von Keynes als "carrying costs", (Durchhaltekosten) bezeichneten Umlaufsicherung, führte er darin u. a. aus, dass

"…dies der vernünftigste Weg sein (würde), um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden. Denn ein wenig Überlegung wird zeigen, was für gewaltige gesellschaftliche Veränderungen sich aus einem allmählichen Verschwinden eines Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum ergeben. Es würde einem Menschen immer noch freistehen, sein verdientes Einkommen anzuhäufen, mit der Absicht es zu einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber seine Anhäufung würde nicht mehr wachsen."

Ohne eine Korrektur dieses Fehlers im System geraten wir immer mehr in eine Zwickmühlensituation: Entweder ohne Wachstum in den sozialen Kollaps oder mit Wachstum in den ökologischen! Und noch kritischer ist der Versuch, sich am Ende, über unbezahlbare Staatsverschuldungen und Inflationen hinaus, zur „Belebung“ der Wirtschaft schließlich wieder in Rüstungsausgaben und Kriege treiben zu lassen! – Leider zeichnet sich auch diese letztgenannte radikale Alternative bereits wieder einmal ab – es sei denn, man würde endlich den Selbstvermehrungseffekt in unserem Geldsystem als das erkennen was er ist: Eine krankhafte Entwicklung innerhalb unseres wirtschaftlichen bzw. monetären Systems! – Die prekäre Situation in unseren Gesellschaften ist also keinesfalls – wie es häufig heißt – die Folge überzogener Ansprüche der Bürger an den Sozialstaat, sondern die der ständig zunehmenden Ansprüche des Kapitals an das Sozialprodukt! – Es geht also nicht um eine Abschaffung der Marktwirtschaft, sondern letztlich um ihre Befreiung vom Kapitalismus!

Helmut Creutz


Schuldenbremse – und was davon zu halten ist

Es ist fast absurd: Ausgerechnet zu einer Zeit, in der man in Berlin alle Geldschleusen in einem Ausmaß öffnet wie es bis vor einem Jahr noch undenkbar war, entschließt man sich gleichzeitig auf die Schuldenbremse zu treten und alle nachfolgenden Regierungen per Gesetz an die Kandare zu legen!

Man kann nur vermuten, dass mit diesem doppelten Spiel den Bürgern vor den Wahlen das Gefühl vermittelt werden soll, die Sache noch im Griff zu haben. Dabei hat man es selbst in den vergangenen Wachstumsjahren nicht geschafft, jene moderaten Eingrenzungen der Schuldenaufnahme einzuhalten, für die man sich in Maastricht so vehement eingesetzt hatte!

Aber auch die Wissenschaft scheint inzwischen Kopf zu stehen! Während bis dato fast jeder vor den ständigen Zunahmen der Staatsverschuldungen warnte, malt jetzt z.B. Sebastian Dullien im SPIEGEL vehement die Gefahren dieser Schuldenbremse an die Wand. Ja er bezeichnete diese Schuldenbremse sogar als „Wahnsinn“, womit er – genauer betrachtet – sogar den Nagel auf den Kopf trifft: Denn so lange die Geldvermögen weiter wuchern, ist es tatsächlich Wahnsinn, der Schuldenflut Einhalt gebieten zu wollen. Genauso wie es Wahnsinn wäre ein Fahrzeug abzubremsen, bei dem der Gashebel durchgetreten und verklemmt ist: Entweder frisst sich der Motor fest oder er fliegt in Kürze auseinander!

Das heißt: Wer tatsächlich die staatliche Schuldenmacherei überwinden und einen ruhigen und vernünftigen Lauf des ‚Motors Wirtschaft’ erreichen will, der muss zuerst einmal dafür sorgen, dass das ‚Gasgeben’ bei den Geldvermögen eingegrenzt wird. Das ist jedoch nur bei einem Zinsniveau erreichbar, welches im Gleichschritt mit den Sättigungen der Wirtschaft gegen Null absinkt – und zwar ohne dass es dabei zu jenem Geldstreik kommt, dessen Folgen man als Deflation bezeichnet! Wird diese Voraussetzung nicht geschaffen, dann haben sowohl diejenigen Recht die ein ständig zunehmendes Wirtschaftswachstum für unabdingbar halten, als auch jene, die das Abbremsen der Verschuldungen als „Wahnsinn“ bezeichnen.

Wir haben also heute nur die Wahl zwischen zwei Übeln. Und aus dieser Zwickmühle kommen wir nur heraus, wenn wir an jener entscheidenden Stellschraube drehen, die ein vernünftiges Wirtschaften auch ohne ständig positive Zinsen, eskalierende Geldvermögen und Wachstumszwänge möglich macht. Und diese Stellschraube ist die Verstetigung des Geldflusses durch eine zinsunabhängige Umlaufsicherung! Denn wie der Wirtschaftsmathematiker Professor Jürgen Kremer am Ende einer detaillierten wissenschaftlichen Überprüfung der Gegebenheiten schreibt:

"Die Verzinsung von Kapital hat nur dann langfristig keine destabilisierende Wirkung, wenn die Wirtschaft stetig und zeitlich unbeschränkt, d.h. exponentiell wächst. Aufgrund der Endlichkeit der Ressourcen der Erde ist ständiges Wachstum jedoch weder wünschenswert noch möglich. Eine Wirtschaftsordnung, die langfristig stabil bleiben soll, muss sich daher von dem Konzept der Vermögensverzinsung verabschieden."

Helmut Creutz


Was heißt Kapitalismus?

"Rettet den Kapitalismus" überschrieb Nikolaus Piper kürzlich einen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung und versuchte mit diversen Variationen abzuklären, was darunter zu verstehen ist. Dabei ergibt sich die Deutung bereits aus den Begriffen: Kapital ist zinstragendes Eigentum, Kapitalist derjenige, der ein solches Eigentum besitzt (und damit Einkünfte aus der Arbeit anderer erzielt!) und Kapitalismus ein Wirtschaftssystem, in dem die Bedienung des Kapitals Vorrang hat vor allen anderen Einkünften. Insofern trifft der von Piper zitierte Oskar Lafontaine ziemlich ins Schwarze, der Kapitalismus mit den "gesellschaftlichen Machtverhältnissen" gleichsetzt, Machtverhältnisse, die die katholische Soziallehre – wie auch immer gedacht – durch eine Gleichstellung von Kapital und Arbeit überwinden wollte.

In welchem Maße sich diese Machtverhältnisse in den letzten Jahrzehnten verschoben haben, zeigt ein Vergleich zwischen den unterschiedlichen Entwicklungen von BIP, Nettolöhnen und Geldvermögen in Deutschland: Nach den Zahlen der Bundesbank in Prozenten umgerechnet, nahmen das BIP von 1991 bis 2007 um 58% und die Nettolöhne um 30% zu, die Geldvermögen jedoch um 157%! Noch erschütternder sind die Entwicklungen in absoluten Zahlen: Während das BIP in den 16 Jahren per anno um 56 Mrd zulegte und die Nettolöhne lediglich um 9 Mrd, explodierten die Geldvermögen jährlich um 302 Mrd! – Dass es zu einem Zusammenbruch unseres Finanzsystems kommen musste ist vor dem Hintergrund dieser Zahlen ebenso wenig verwunderlich, wie die viel beklagte Scherenöffnung zwischen Arm und Reich!

Angesichts der vorgenannten Entwicklungen werden wir zu einer stabilen Wirtschaftsordnung nur dann kommen können, wenn die zinsbedingte "Selbstalimentation der Geldvermögen", wie das die Bundesbank bereits 1993 einmal bezeichnete, zum Stillstand kommt. Das ist jedoch nur möglich, wenn der Zins, als Knappheitspreis und -gewinn des Geldes, den gleichen Marktmechanismen unterstellt wird, wie das bei den Knappheitsgewinnen auf den Gütermärkten der Fall ist: Das heißt, die Renditen aus Geldvermögen müssen mit den Sättigungen in der Wirtschaft – genauso wie die Gewinne – marktgerecht gegen null absinken!

Wie das zu erreichen ist, hat der – jetzt wieder zu Ehren kommende – John Maynard Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes", anlehnend an den Sozialreformer Silvio Gesell, bereits 1936 beschrieben: Eine Umlaufsicherung des Geldes durch carrying costs (Durchhaltekosten), würde – wie Keynes wörtlich schreibt – "den sanften Tod des Rentiers bedeuten und folglich den sanften Tod der sich steigernden Unterdrückungsmacht des Kapitalisten, den Knappheitswert des Kapitals auszubeuten." –

Es geht also nicht um eine "Rettung des Kapitalismus", sondern um dessen Unterordnung unter die Marktkräfte und damit um die "Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus"!

Helmut Creutz